Sonntag, 13. Januar 2013

Hier der Prolog zu "Ein schicksalhafter Sommer"


Prolog


 

Eifel 1911

 

Victor Kinder trottete, wie jeden Morgen, mit schlechter Laune auf seine Arbeitsstätte zu. Er blickte missmutig auf den tristen, großen Steinbau vor sich und wappnete sich für das, was ihn erwartete. Seit drei Jahren verrichtete er nun diese Arbeit, und das Geschrei und Gezeter der Irren verfolgte ihn bis in seine Träume. Es wurde Zeit, dass er endlich etwas anderes fand, sonst würde er noch genauso verrückt werden wie die Insassen hier. Vor der Tür hielt er kurz inne und atmete noch einmal die frische Morgenluft ein, ehe er das Gebäude betrat.

Dies hier war kein Sanatorium, in das gewöhnlich die Reichen ihre minderbemittelten Verwandten brachten, um sie für gutes Geld vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Und dies war auch keine der modernen Einrichtungen, in denen man heutzutage die geistig Kranken nach neuesten medizinischen Erkenntnissen behandelte. Hier gab es auch keine Besuche von lieben Freunden oder Angehörigen, die ein paar Stunden im Monat mit den Verstoßenen in feinen Gärten spazieren gingen. Nein, hierher kamen die gefährlichen Irren, welche die Gemeinschaft aus ihrer Mitte zu entfernen gedachte, damit sie nicht noch mehr Unheil anrichten konnten. Einmal hier, wurden sie weggeschlossen und von der Außenwelt für immer vergessen. Nur Leute wie er, Victor, mussten sich mit ihnen herumschlagen. Bei dem Gedanken verzog er verächtlich den Mund. Er verließ den Eingangsbereich und stieg die Treppe hinunter ins Kellergeschoss. Dort zog Victor gerade seine schweren Schlüssel heraus, um die Tür zum hinteren Zellentrakt aufschließen, als er verdutzt innehielt. Die Tür war nicht verschlossen. Victor schnaufte wütend ob der Gedankenlosigkeit seines Kollegen. Dem alten Hauser würde er was erzählen, wenn er ihn sah. Kopfschüttelnd öffnete er die schwere Tür, trat ein und runzelte die Stirn. In dem Gang, der an den Zellen vorbeiführte, brannte kein Licht. Dank des schmierigen Fensters am Ende des Raumes konnte er erkennen, dass der Gang verlassen da lag. Wo war Hauser? Der Wärter zwang sich, den Gestank, der ihm entgegenschlug, zu ignorieren, und stapfte los. Durch das Gestöhne und Gegröle der Insassen hörte er zuerst gar nicht die Stimme, die ihn eindringlich beim Namen rief. Alarmiert schritt er zu Zelle 8 und schaute durch das kleine Fenster in der massiven Tür. Schockiert stellte er fest, dass Hauser ihn daraus anblickte. “Verdammt, was-?“

„Schließ die verdammte Zelle auf und guck nicht so blöd!“, keifte Hauser. „Kalter, der verdammte Hund, hat mir gestern Abend bei der Essensausgabe eins übergezogen.“ Hektisch fuchtelte Hauser mit seiner Hand herum „Jetzt los, ich muss Meldung machen!“

 Viktor fand den Zellenschlüssel nach einigem Suchen in einer Ecke im Eingangsbereich und schloss Hauser die Zellentür auf. Sein mitleidiger Blick folgte seinem Kollegen, als dieser die Beine in die Hand nahm, um beim Direktor vorzusprechen.

 

„Ja, Herr Direktor, da hab ich nicht aufgepasst. Hab gedacht, der Verrückte steht sowieso wieder nur teilnahmslos in der Ecke rum und nimmt nichts wahr. Hat er ja schließlich so gemacht, seit ich hier arbeite, nicht wahr?“ Hauser knetete nervös seine Hände und warf seinem Gegenüber einen vorsichtigen Blick zu, ehe er schnell wieder den Kopf senkte. „Und ich denk noch, Hans denk ich, wozu der Umstand mit der doppelten Sicherheit, bin ja sowieso spät dran. Und plötzlich stürzt der Kerl sich auf mich und als nächstes wach ich in der Zelle auf. Ja, so war das.“ Hauser schluckte, und als das Schweigen auf der anderen Seite des Schreibtisches anhielt, sah er vorsichtig wieder auf. Theo Schmitts verächtlicher Blick ruhte auf ihm. Als dieser schließlich sprach, bebte seine Stimme vor unterdrücktem Zorn.

„Hauser, mir fehlen die Worte ob Ihrer Dummheit. Meinen Sie, die Irren da unten sind ohne Grund im Hochsicherheitstrakt untergebracht? Weil die apathisch in der Ecke herumstehen und keine Gefahr darstellen? Wissen Sie, wen Sie da haben entkommen lassen?“ Schmitts Stimme war bei seinem Vortrag beständig lauter geworden und bei seinen letzten Worten zu einem Brüllen angeschwollen. Er sprang von seinem Sessel auf und beugte sich über den Schreibtisch. Am liebsten hätte er dem dämlichen Idioten in den Hintern getreten. „Einen Mörder haben Sie da laufen lassen, einen gemeingefährlichen Irren.“ Schmitt ließ sich ermattet wieder in seinen Sessel fallen.

„Herr Schmitt, es tut mir leid, er erschien mir so friedlich…“

„Gehen Sie mir aus den Augen, Hauser, und kein Wort zu niemandem, verstanden?“

„Ich versteh nicht ganz, Herr Direktor.“

„Sie sollen vergessen, dass wir einen Insassen weniger haben, habe ich mich jetzt verständlich ausgedrückt? Können Sie sich in ihrer Beschränktheit vorstellen, was hier los ist, wenn herauskommt, dass wir hier die Verbrecher nicht hinter Schloss und Riegel halten können?“

Schmitt trommelte nervös mit seinen Fingern auf die Akte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Das hatte man davon, wenn man nur Hilfskräfte zur Verfügung hatte. So ein verdammtes Pech aber auch. Die Behörden saßen ihm schon seit Jahren im Nacken, da sie dem Führungsstil seiner Heilanstalt skeptisch gegenüberstanden. Erst letzten Monat hatte irgend so eine Gruppe von neumodischen Ärzten wieder darauf gedrängt, dass er die Idioten, die ein Verbrechen begangen hatten, nach Bedburg verlegen ließ. Pah, Bedburg. Ein riesiger Komplex mit über 2000 Betten. Und modernen Behandlungsmethoden. Im Bett liegen und faulenzen konnten die da und in der Wanne plantschen, den ganzen Tag. Bei schönem Wetter sogar an der frischen Luft. Das musste man sich mal vorstellen. Verbrecher die behandelt wurden, als wären sie im Urlaub. Schmitt schnaubte. Aber nicht mit ihm. Hier wurde dieser Abschaum so behandelt, wie er es verdiente. Und ausgerechnet jetzt war ihm ein Schwerverbrecher entwichen. Schmitt sah sich schon auf der Titelseite der Zeitung. Das wäre das Ende seiner Anstalt. Seine Einrichtung war den umliegenden Gemeinden sowieso schon lange ein Dorn im Auge und das würde das Fass zum Überlaufen bringen. Erregt erhob er sich erneut und schritt zum Fenster. Nein, das würde auch niemandem nützen, wenn er das publik machen würde. Der Verrückte war eh schon über alle Berge, und besser, ein gefährlicher Irrer draußen, als wenn man seine kleine Einrichtung hier schließen würde und so viele nicht mehr ordentlich verwahrt werden könnten. Ja, man musste in größeren Dimensionen denken.

Der Direktor seufzte. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Er wandte sich wieder von der schönen Aussicht vor dem Fenster ab und wurde gewahr, dass dieser Tölpel von Wärter ihn immer noch anstierte. „Gehen Sie, Hauser, und denken Sie daran, wem man die Schuld an diesem Dilemma geben wird, wenn Sie den Mund nicht halten können.“ Schmitt nahm wieder Platz. „Ihnen, Hauser! Und Ihre Arbeit wären Sie dann auch los, das können Sie sich ja wohl vorstellen.“ Der Direktor sah ihn eindringlich an, und als Hauser kriecherisch nickte und von dannen schlurfte, zündete er sich beruhigt eine Zigarre an und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Die Akte verschwand in der untersten Schublade.

 

Robert Kalter starrte auf das Rasiermesser in seiner Hand. Es blinkte in der Sonne wie ein Signalfeuer. Er fragte sich, ob der Mann, dem er die Reisetasche gestohlen hatte, hinter ihm her war, aber eigentlich glaubte er das nicht. Der Kerl war friedlich in das Wirtshaus marschiert und hatte sich mit Essen vollgestopft. Ehe er seine Mahlzeit beendet hatte, war Robert schon über alle Berge gewesen. Nun saß er ungefähr drei Kilometer entfernt sicher an einem See und rasierte sich. Die Kleider waren zwar alles andere als neu und zu groß, aber allemal besser als die dreckverkrusteten Lumpen, die er in der Anstalt getragen hatte. Er hatte sich im See gebadet, rasiert und trug sogar richtige Kleidung. Er fühlte sich fast wie ein normaler Mensch.

Robert sah wieder in den kleinen Spiegel und sein Mut verließ ihn. Das Gesicht, das er da anschaute, würde niemals normal erscheinen. Seine verschiedenfarbigen Augen waren schon seit Kindesbeinen an sein Fluch gewesen und würden ihn immer verraten. Sein rotes Mal, das sich vom Haaransatz bis zum Kiefer über einen Teil seiner linken Gesichtshälfte zog, wurde an seiner Schläfe von einer Brandnarbe verdeckt. Das machte ihn auch nicht vertrauenerweckender. Robert steckte den Spiegel schnell wieder in die Reisetasche zurück. Nein, trauen sollte man ihm wirklich nicht. Er tat es ja selbst nicht. So lange er denken konnte, zerstörte er alles, was ihm lieb und teuer war. Was mit seiner Mutter passiert war, hatte er nie gewollt, und als später das Nachbarsmädchen gestorben war, wünschte Robert sich im Nachhinein, dass er ihr nie zu nahe gekommen wäre.

Man hatte versucht, die „Brut des Satans“ zu vernichten, doch man hatte es nicht geschafft. Seine linke Hand, die immer Böses tat, sollte zerstört werden. Doch auch die Hammerschläge hatten ihn nicht aufhalten können. Als die Knochen wieder verheilt waren, konnte er sie dennoch bewegen. Robert besah sich seine verkrüppelte linke Hand und ballte sie zur Faust. Er hatte das alles niemals gewollt, nichts von dem, was geschehen war. Er wusste auch nicht, warum er diese Dinge getan hatte, nur, dass er sie getan hatte.

Manchmal, wenn ihm in den Jahren in der Anstalt seine Taten den Schlaf raubten, hatte er gebetet, er möge doch endlich einschlafen und morgens nicht mehr wach werden. Aber er war immer wieder aufgewacht. Robert sah auf die glitzernde Wasseroberfläche des Sees, und auf die Bäume, die den See umgaben und in der Sonne leuchteten. Und jetzt, obwohl es ihn beschämte, war er froh, dass er am Leben war. Und er war froh, dass er endlich aus diesem Drecksloch entkommen war. Robert verachtete sich für seine Selbstsucht. Er wusste, dass er weggeschlossen bleiben musste. Aber er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten da drin. Und als der Wärter gestern so unvorsichtig gewesen war, da war es wie ein Geschenk Gottes gewesen. Jetzt war er frei.

Vielleicht hatte er ja genug Buße getan, in den Jahren seiner Gefangenschaft, denn bereut hatte er seine Taten und würde es auch für den Rest seines Lebens tun. Vielleicht hatte Gott ihm ja wirklich verziehen und seinen Geist geheilt. Und jetzt musste er sich nur noch anstrengen, bei Verstand zu bleiben. Dann würde er es auch schaffen, ein normales, rechtschaffenes Leben zu führen. Robert atmete tief durch, sog die saubere, warme Luft in seine Lungen und hob sein Gesicht der Sonne entgegen.

Ja, er war froh, dass er lebte, und er war froh, dass er frei war. Und er würde es auch bleiben. Niemals mehr würde er zurückgehen in die Hölle, aus der er gerade entkommen war. Koste es, was es wolle.

Robert stand auf und ging weiter landeinwärts, weg von den anderen Irren, die sieben Jahre lang seine Leidensgenossen gewesen waren.


 

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